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Frollein Herr

Sunday Thoughts: Wieso mir das Fühlen derzeit ein wenig schwer fällt...

Über zwei Monate ist meine letzte richtige Sonntagskolumne nun her und das ist nicht nur mir, sondern auch Euch aufgefallen.

Wo auf Frollein Herr doch sonst fast wöchentlich Artikel zu den unterschiedlichsten Themen in meiner Rubrik Thoughts erscheinen, dominieren derzeit eher Interior- und Shoppingartikel. Wieso? Das haben so manche von Euch mich in den letzten Wochen vermehrt gefragt, weil Ihr Euch (genau wie ich) mit der Zeit an diese lebensnahen Gefühlsthemen gewöhnt habt. Anfangs habe ich darauf meist geantwortet, dass das reiner Zufall sei und sicherlich bald wieder eine Kolumne kommen wird. Nach und nach aber, musste ich mir eingestehen, dass mir die Themen für meine Kolumnen einfach nicht kommen wollten, bzw. ich beim Schreiben immer und immer wieder an meine Grenzen gekommen bin.

Denn auch wenn sich unser Leben derzeit immer mehr normalisiert (Stichwort Corona-Lockerungen), kann ich für mich nur feststellen, dass sich nichts, also gar nichts, normal anfühlt. Damit meine ich nicht, dass ich in ständiger Angst vor dem Virus lebe und alle Menschen auf der Straße als potentielle Gefahr ansehe. Nein – es ist weniger eine konkrete Angst, als ein sehr tiefes Empfinden der Andersartigkeit, der Unsicherheit, des Unbekannten. Alles ist anders. Und das ist prinzipiell ok so. Generationen vor uns waren schon mit massiven Einschnitten, Umschwüngen und Veränderungen konfrontiert und wieso sollte das bei uns heute anders sein?

Ich habe mich inzwischen sehr gut mit der Isolation arrangiert, telefoniere oder facetime mehr, plane meine Einkäufe ein wenig vor, sodass ich nicht jeden Tag wegen zwei Kleinigkeiten in den Supermarkt muss und auch mit dem Mundschutz habe ich keine großen Schmerzen (obwohl es echt nervt, dass man damit keinen Lippenstift tragen kann).

Ich möchte das nochmal ausdrücklich betonen: Ich habe keine Angst!

Ich vertraue in unser Gesundheitssystem, in unsere Politik, in unsere Gesellschaft (obwohl ich sagen muss, dass mich die ganze Thematik rund um Verschwörungstheorien und reichweitenstarke Accounts, die kompletten Senf in die Welt setzen schon sehr beunruhigen – das aber nur am Rande). Trotzdem wäre es gelogen zu sagen, dass irgendetwas normal ist. Und genau hier setzt mein Problem mit den Gefühlen an. Dinge zu fühlen, zu erkennen, zu ordnen und darüber zu schreiben ist für mich das Normalste der Welt. Eigentlich. Denn derzeit fällt mir das sehr schwer. Für eine Kolumne mit Tiefgang muss ich in mich gehen, Gefühle erkennen, Argumente sortieren, abstrahieren und Schlüsse ziehen. Wenn ich allerdings derzeit versuche tief in mich reinzuhören, finde ich statt gefestigter Meinungen sehr viel Unsicherheit.

Statt Ideen oder Lösungsstrategien zu entwickeln, fühle ich mich oft überfordert und ermüdet von all den Informationen, neuen Plänen, Unwägbarkeiten, Schwachstellen im System und Problemen meiner Mitmenschen. Mir persönlich geht es soweit gut, sicherlich besser, als den meisten. Ich kann nach wie vor von zuhause arbeiten, habe (noch) keine nennenswerten Auftragsausfälle und profitiere derzeit sehr davon, dass ich noch nie jemand war, der ständig von vielen Menschen umgeben sein muss. Ich weiß aber, dass es vielen Menschen nicht gut geht. Dass es Leute gibt, die um ihre Existenz bangen, die gesundheitliche Probleme haben oder sich um ihre Liebsten sorgen. Und auch ich gebe mich in schwachen Momenten meinen Ängsten hin und sorge mich um meine Mutter, die in einem Pflegeheim lebt und somit nicht nur Risikopatientin par excellence ist, sondern auch in einem sehr vulnerablen Umfeld untergebracht ist. Und auch beruflich treiben mich viele Fragen um.

Wie sieht mein Job in den nächsten Monaten aus? Werde ich wieder Shootings planen können? Wann sehe ich meine Kolleginnen wieder?

Egal wann ich in mich hinein höre, schallen mir diese und 1000 andere Fragen entgegen. Und auch wenn ich normalerweise überhaupt kein Verfechter der Verdrängungstaktik bin, mache ich mir ihre Vorteile derzeit doch zu Nutze. Ich versuche nicht alle Gefühle zu fühlen, nicht alle Ängste zuzulassen, nicht alle Fragen zu beantworten, alle Gedanken zu denken, sondern plane nur von Tag zu Tag. Was habe ich heute zu tun? Wie kann ich es mir nett machen? Was essen wir heute? Und welchen Spiegel male ich als nächstes bunt an?Das sind die Fragen, die ich derzeit zulasse. Und das hilft mir. SEHR. Für alle, die mich gut kennen, muss das besonders überraschend klingen, da ich sonst die Erste bin, die für alles einen Plan hat, sich jede Eventualität überlegt und am liebsten über alles die Kontrolle behält.

Zu diesen Zeiten aber muss selbst ich einsehen, dass ich keine Kontrolle habe. Also so GAR NICHT.

Ich habe schlichtweg keine Antworten und genau deshalb fällt es mir derzeit ein wenig schwer, Gefühle zu fühlen, Gedanken zu denken und eben diese aufzuschreiben. Ich sehe gerade nicht das große Ganze, sondern viele kleine Aspekte des Lebens, viele Nuancen, viele Facetten und darunter auch sehr viel Schönes. Deshalb kommen auch die vielen Trendartikel oder Shopping-Posts nicht von ungefähr. Sie bereiten mir Freude und ich denke, dass sie das auch für die eine oder andere von Euch tun. Ein paar DIY’s hier, ein paar bunte Kerzen da – und schon ist es zuhause ein wenig schöner, bunter, fröhlicher. Und auch wenn wir alle derzeit nicht so viel von unserer Frühlingsgarderobe haben, will ich nicht auf sie verzichten. Weil ich mir dadurch ein bisschen Normalität bewahre, weil ich mir etwas Gutes tue, weil ich in kleinen Schritten in die Zukunft blicke. Nicht zu weit, aber eben von Tag zu Tag.

Und so wie ich Euch in den letzten zwei Jahren kennenlernen konnte, bin ich mir sicher, dass Ihr mich hier verstehen könnt. Dass Ihr ein wenig Nachsicht habt, dass die großen Gedanken und Gefühle derzeit vielleicht neben den schönsten Vasen und Spring-Cardigans zurücktreten müssen. Nicht, weil es sie nicht gibt. Nicht, weil sie nicht wichtig sind. Nicht, weil ich sie nicht sehe.

Aber solange es in meinem Kopf mehr Fragen als Antworten gibt, sind schöne Vasen und der ein oder andere neue Kerzenständer eine ganz großartiger Plan!

Bild im Header: @ohverlee

Comments

  • 17. Mai 2020
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    Svenja

    ❤️ ich weiß gar nicht wer mir das mal gesagt hat – „diese Zeiten ändern dich“ und er hat recht. Es ist gar nichts normal und Angst ist Keine da, eher dieses mulmige Gefühl als Dauerbrenner.. jetzt sind es halt mal mehr „Kerzen und Shoppingtipps“ na und – hilft mir sehr über meine Kriese hinweg ??‍♀️ wie auch immer wir stehen das alle gemeinsam durch und dann schlüpfen wir in Pastell farbenfrohe Sommerkleider und laufen Barfuß am Strand ❤️ fühl dich gedrückt

  • 17. Mai 2020
    reply

    Ich kenne deinen Instagram Account ehrlich gesagt noch nicht sehr lange, deswegen kenne ich dich noch nicht so gut. Aber ich mag sehr wie du schreibst und bin genau bei dir! Die Pastell Farben heitern mich immer ein bisschen auf und genau das brauche ich zur Zeit am meisten. Danke

  • 17. Mai 2020
    reply
    Daniela

    Wunderbar geschrieben! #nomorewordsneeded
    Bester Account ?

  • 17. Mai 2020
    reply
    franzi

    sehr gut auf den punkt gebracht..ich habe auch keine angst, nur ist alles irgendwie komisch, wie in soner blase..und mich macht’s auch fertig nichts planen zu können.

    wir sind die generation, die ohne erlebten krieg aufgewachsen ist, wir haben’s ja eigentlich sehr gut gehabt und jetzt das… wir dürfen das, was wir wahrscheinlich mit am meisten brauchen nicht mehr..ich würde so gern mal andere menschen als nur meinen freund umarmen, nichts gegen ihn, aber ich merke das ich eher so ne touchy frau bin…?
    und ich hoffe wirklich wirklich auf einen impfstoff, ehrlich gesagt möchte ich nicht zu der generation zählen, die als letzte frei und ohne abstand durch die clubs ziehen konnte oder auf festivals war. ? bizarre vorstellung!

  • 25. Mai 2020
    reply
    Ana

    ❤️

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